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Buchbesprechung: Hermann Schulz „Leg nieder dein Herz“

Cover SchulzLesealter 15+(Carlsen-Verlag 2005, 200 Seiten)

Schon lange wollte ich einmal ein Buch von Hermann Schulz lesen, dessen Bücher in Prospekten des Carlsen-Verlags immer wieder umworben werden. Der deutsche Autor schreibt, so weit ich weiß, ausschließlich B ücher, in denen es um Afrika, den großen unbekannten Kontinent, geht. Als vor einigen Wochen ein neues Buch von Hermann Schulz erschienen ist – noch dazu in so schöner Aufmachung -, war das ein willkommener Anlass, es endlich mit einem seiner Bücher zu versuchen.

Gefragt habe ich mich übrigens, warum Hermann Schulz immer über Afrika schreibt – das wenige, was man im Internet über sein Leben findet, gibt an, dass er selbst als Sohn eines Missionars in Ostafrika geboren wurde, jedoch in Deutschland aufwuchs. Von daher wohl die Auseinandersetzung mit diesem Thema…

Inhalt:

Nick Geldermanns Vater war Missionar in Afrika und beging, als er wusste, dass er wegen einer schweren Krebserkrankung nicht mehr lange zu leben hat, Selbstmord – und der Sohn hat noch ziemlich daran zu knabbern. So kommt es ihm gelegen, als ihm ein Kollege – Nick ist Volontär bei einer Zeitung – eine Annonce zusteckt, in der von einer Missionsgesellschaft ein Journalist gesucht wird, der die Lebensgeschichte einer kürzlich verstorbenen afrikanischen Missionarin recherchiert und darüber ein Buch schreibt.

Nick trifft sich mit Vertretern der Missionsgesellschaft und nach kurzen Verhandlungen bekommt er – wohl nicht zuletzt, weil er wegen seinens Vaters besonders für diesen Job geeignet scheint – den Auftrag für das Buch. Ein nicht geringer Vorschuss, Spesenkosten sowie nach Beendigung des Buches ein großzügiges Honorar machen Nick die Entscheidung leicht, den Auftrag anzunehmen.

Die deutsche Missionarin Friederike Ganse, über die er schreiben soll, hat fast 10 Jahre in Afrika als Missionarin gelebt und gearbeitet. Schon bald merkt Nick bei seinen Recherchen, dass dies kein gewöhnlicher Auftrag ist – denn Friederike Ganse hat ein wenig konventionelles Leben geführt. Nicht nur, dass sie plötzlich und aus überraschenden Motiven nach Afrika gegangen ist und ihre Familie damit vor den Kopf gestoßen hat, sondern noch einiges mehr machte Friederike Ganse zu einer bemerkenswerten Frau. So heiratete sie ihren Mann, den Missionar Mario Kindermann, ohne diesen vorher richtig kennen gelernt zu haben. Die beiden scheinen mit ihren drei Kindern (eins davon adoptiert, das andere von Marios verstorbener Frau) eine glückliche Ehe geführt zu haben.

Außerdem entdeckt Mario, dass es noch andere Männer in Friederike Ganse Leben gegeben haben muss – denn einige Zeugen berichten von einem Engländer, der still und heimlich auf Friederikes Beerdigung zugegen war. Nick trifft sich schließlich mit dem Engländer und erfährt, dass dieser und Friederike sich auf der Schiffsreise nach Afrika begegnet seien und von Anfang an das Gefühl gehabt hätten, füreinander bestimmt zu sein. Doch nach der Schifffahrt trennen sich die Wege der beiden wieder – aus der Ferne beobachtet der Engländer jedoch nach wie vor Friederike und ihr Leben…

Bewertung:

Ein typisches Jugendbuch ist „Leg nieder dein Herz“ nicht. Man könnte es genauso gut als Erwachsenenbuch bezeichnen, denn keine der vorkommenden Personen ist jugendlich – und auch das Thema des Buches hat wenig mit Jugendthemen zu tun.

Mit diesem Buch von Hermann Schulz bin ich ganz unerwartet in den Kosmos des Autors hineingelangt. Die Vorgeschichte des Buches hat der Autor nämlich – aber das habe ich erst nach Beendigung des Buches erfahren – in seinen früheren Büchern behandelt. Nick Geldermann und sein Vater sind Figuren, die schon in anderen Büchern von Hermann Schulz auftauchen. Auch wenn es immer schade ist, Bücher nicht chronologisch in der richtigen Reihenfolge zu lesen, so hat dies jedoch dem Lesegenuss keinen Abbruch getan. Es kann auch als Einzelwerk gelesen werden.

„Leg nieder dein Herz“ hat mich – und das hatte ich eigentlich gar nicht so erwartet – ziemlich beeindruckt. Ich habe zunächst etwas gebraucht, um in die Geschichte hineinzufinden, doch schon bald wollte ich mit dem Lesen gar nicht mehr aufhören. Lange nicht mehr habe ich ein Buch gelesen, dass mich so angerührt hat – die Geschichte der unkonventionellen Friederike Ganse ist einfühlsam und mitreißend beschrieben. Faszinierend ist vor allem, wie die Gefühle der Personen so intensiv und nachdrücklich in Worte gefasst, fast gemalt werden – dies gilt insbesondere für die Liebesgeschichte zwischen Friederike und dem Engländer Joseph Pollock. Auch hat mir Hermann Schulz‘ Buch so gut gefallen, weil es auf eine eigene Art und Weise spannend und literarisch gekonnt auf zwei Ebenen, die immer wieder ineinander greifen, erzählt wird: auf der einen Seite aus der Sicht von Nick Geldermann in der Gegenwart, auf der anderen Seite in Form von Nicks Buch über das Leben von Friederike Ganse.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Mit Hermann Schulz habe ich durch „Leg nieder dein Herz“ einen Autoren entdeckt, von dem ich unbedingt weitere Bücher lesen will. Es gibt nur wenige Bücher, die so gekonnt und so intensiv Tragik und Lebensmut in einer Geschichte verbinden und so einfühlsam geschrieben sind. Ein wenig erinnert hat mich „Leg nieder dein Herz“ an ein Buch von Michael Ondaatje: „Der englische Patient“ (wobei der Film leider bekannter als das Buch sein dürfte). Es ist weniger der Inhalt, der mich auf diesem Vergleich bringt, als die Intensität der Gefühlsdarstellung, die in beiden ähnlich ist.

„Leg nieder dein Herz“ ist – wie oben schon gesagt – kein typisches Jugendbuch, sondern etwas für fortgeschrittene Leser ab 15/16 Jahren, die bereit sind, typische Jugendbuchthemen einmal hinter sich zu lassen. Doch wer sich an diesen Ausflug in die Erwachsenenliteratur heranwagt, wird mit einem außergewöhnlichen Buch belohnt.

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Weitere Meinungen:

In diesem Roman geht es um eine wahrlich ungewöhnliche Frau. Friederike Ganse, nicht schön, aber mit außergewöhnlicher Anziehungskraft auf Männer, nicht gläubig, aber auf angestrengter Suche nach dem echten Glauben, war eine Frau, die „ihr Ding durchgezogen hat“ (S. 196), und doch eher wirkt, als ob sie gar nicht genau wusste, was eigentlich ihr Ding war oder sein sollte. So sprang der Funke, der Nick Geldermann im Buch ergreift, zu keiner Zeit auf mich über. Die Faszination an der Person Friederike Ganses kann ich leider nicht nachvollziehen. Auf mich wirkt diese Frau egozentrisch, kokett, willkürlich, voller Widersprüche (weshalb z. B. ist sie mit den Kindern ihrer Verwandten so gouvernantenmäßig streng, lässt aber ihre eigenen völlig verwahrlosen?) und somit eher als eine Getriebene, allerhöchstens bemitleidenswert, aber nicht faszinierend. Ich ärgere mich über solche Leute im richtigen Leben – und Bücher will ich darüber auch nicht lesen, zumal wenn sie es nicht schaffen, mir das Verhalten der Protagonisten plausibel und nachvollziehbar werden zu lassen. Da hilft es auch nichts mehr, dass ich nebenbei in dem Buch ein paar interessante Dinge über Afrika und die Arbeit der Entwicklungshilfe mitbekomme.

(Iris Henninger)

Kommentare (4)

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  2. Renate

    Die Lektüre des Buches „Leg nieder dein Herz“ veranlasste mich, im Internet etwas über den Autor zu erfahren. Viel ist es nicht, aber es mag genügen. Wahrscheinlich ist es genau so viel, wie der Autor seine Leser wissen lassen möchte. Natürlich frage ich mich, wieviel eigenes Erleben da hineingewoben wurde.
    Der Roman ist ungewöhnlich, sehr interessant und macht neugierig auf andere Werke. Die Sprache ist klar und schlicht und zieht einen doch mächtig in die Handlung und die fremde Welt. Die Charaktere sind ebenfalls ungewöhnlich, gehört aber wohl zur Geschichte und dem, was der Autor mitteilen will. Ja, ich werde mehr lesen.

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