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Buchbesprechung: Jenny Downham „Bevor ich sterbe“

Cover DownhamLesealter 14+(cbj-Verlag 2008, 318 Seiten)

Das ist das vierte Buch über Leukämie, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Als hätte ein heimlicher Tippgeber die Information an Jugendbuchautoren weitergeben, dass das ein spannendes Thema sei … Ich glaube, mein Bedarf an Büchern zu diesem Thema, ist erst einmal gedeckt. Allerdings sind alle vier Bücher (neben dem vorliegenden Roman: „Superhero“ von Anthony McCarten, „Wie man unsterblich wird“ von Sally Nicholls und schließlich „Wie ich zum Besten Schlagzeuger der Welt wurde – und warum“ von Jordan Sonnenblick) wirklich gut – die Engländerin Jenny Downham macht da mit ihrem Erstlingswerk „Bevor ich sterbe“ (das sei vorab gesagt) keine Ausnahme.

Inhalt:

Tessa ist 15 Jahre alt und seit knapp vier Jahren an Leukämie erkrankt. Das Mädchen hat alle möglichen Strahlungsbehandlungen hinter sich, bis Tessa und ihre Eltern beschließen, es mit natürlichen Behandlungsmethoden zu versuchen – doch die Krankheit lässt sich nicht aufhalten und schreitet fort. Es verdichtet sich langsam, dass Tessa nicht mehr lange zu leben hat …

In Tessa reift der Plan heran, in ihrem kurzen Leben noch etwas erleben zu wollen, und so erstellt sie eine Liste von zehn Dingen, die sie vor ihrem Tod noch umsetzen möchte. Und alles sind mehr oder weniger grenzwertige Erfahrungen: Mit einem Jungen schlafen, gehört dazu, ebenso wie an einem Tag zu allem, was andere von ihr möchten, Ja zu sagen, aber auch ein Ladendiebstahl und das Ausprobieren von Drogen. Unterstützt wird sie bei diesen Dingen von ihrer Freundin Zoey.

Ihre Eltern – vor allem ihren Vater, denn ihre Mutter hat vor ein paar Jahren die Familie wegen eines anderen verlassen und ist deswegen selten greifbar – hält Tessa mit diesen Dingen ganz schön auf Trab. Tessas Vater weiß manchmal nicht mehr, wie er mit seiner Tochter zurecht kommen soll. Außerdem geht bei manchen von Tessas Vorhaben einiges schief: Sie wird beim Ladendiebstahl erwischt, und das erste Mal Sex mit einem Jungen ist alles andere als schön.

Bewertung:

„Bevor ich sterbe“ ist nicht immer ein angenehm zu lesendes Buch – dafür ist das Thema, dass ein junges Mädchen bald sterben wird, zu traurig. Doch Jenny Downham gelingt ebenso wie den anderen Autoren, die sich des Themas Leukämie angenommen haben, die richtige Mischung aus Traurigkeit und Lebensfreude.

Die Idee mit der Liste der zehn wichtigen Dinge, die man noch zu erledigen hat, ist nicht neu – sie findet sich in fast allen Büchern zu diesem Thema in jeweils leicht abgewandelter Form. Und so war ich am Anfang des Buches auch etwas enttäuscht, dass „Bevor ich sterbe“ ein ähnliches Muster zu haben schien, wie man es aus anderen Jugendbüchern kennt. Doch glücklicherweise wandelt Tessa ihr Vorhaben im Laufe des Buches ab, und vieles kommt anders als gedacht und geplant. Und je weiter man in Jenny Downhams Buch kommt, umso unwichtiger wird diese Liste und umso mehr wird man von dem Buch in Bann geschlagen.

Tessa, aber auch viele anderen Figuren in dem Buch werden zu kleinen Helden, die am Schicksal des Mädchens wachsen, sich als tapfer erweisen und nicht unterkriegen lassen. Seine Stärken hat das Buch eindeutig am Ende, wo sich alles zuspitzt. Hier nicht in eine kitschige und plumpe Gefühlsduseligkeit abgerutscht zu sein, ist Jenny Downham hervorragend geglückt.

Überhaupt ist das Buch einfach gut geschrieben. Man kann sich in die Figuren hineinversetzen (auch wenn man vielleicht die ein oder andere Verhaltensweise von Tessa nicht so ganz nachvollziehen kann), Jenny Downhams Schreibstil ist dem Thema angemessen und vor allem die letzten Seiten des Buches sind ein literarischer Genuss, auch wenn man dabei durchaus Tränen vergießen mag. Aber genau solche Spannungsfelder machen gute Jugendbücher aus …

Fazit:

5 von 5 Punkten. Dass das Thema Leukämie bei Jugendbüchern inzwischen etwas überstrapaziert ist, kann man Jenny Donwham nicht direkt vorwerfen, sind die Bücher doch in etwa zeitgleich geschrieben worden. Auch wenn einem vieles in dem Buch aus den anderen „Leukämie-Büchern“ bekannt vorkommt, so schafft es Jenny Downham, dem Thema doch ihren eigenen Stempel aufzudrücken.

„Bevor ich sterbe“ gehört ohne Zweifel zu den Aushängestücken guter Jugendliteratur. Das Buch ist einfühlsam geschrieben, vermittelt trotz des schwierigen Themas auch so etwas wie Lebensfreude, driftet nicht in Kitsch ab, sondern zeigt in Ansätzen durchaus auch Witz. Die ganze Spannbreite der Gefühle hat darin Platz – besser kann man sich dem Thema nicht nähern.

Gäbe es nicht schon die ganzen anderen Bücher zu dem Thema Leukämie, könnte man von „Bevor ich sterbe“ als einem Highlight sprechen – doch so hat sich das Buch leider mit der harten Konkurrenz (allen voran Anthony McCartens „Superhero“, meinem Favoriten der letzten 12 Monate) zu stellen. Doch „Bevor ich sterbe“ kann sich durchaus daran messen, ohne unterzugehen. Jenny Downham ist alles in allem ein tolles Buch gelungen!

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(Ulf Cronenberg, 29.09.2008)

P.S.: Die Altersangabe von cbj mit 12 Jahren halte ich übrigens für sehr gewagt. Ich würde das Buch eher ab 14 Jahren empfehlen.

P.P.S: Kleiner Tipp noch: Wer „Bevor ich sterbe“ toll fand, der sollte sich mal Gayle Formans „Wenn ich bleibe“ anschauen. Die Buchbesprechung dazu findet ihr hier.

Lektüretipp für Lehrer!

„Bevor ich sterbe“ ist durchaus ein für den Deutschunterricht geeignetes Buch. Das Thema ist schwierig, aber gerade aufgrund der tragischen Geschichte kann man mit Schülern ab der 9. Klasse sicher über vieles diskutieren – nicht nur über den Sinn des Lebens und über Lebensfreude. Durch die Liste der Dinge, die Tessa noch erleben möchte, bringt das Buch viele andere Themen für eine inhaltliche Auseinandersetzung ein: Beziehung, Drogen, Krankheit, Tod, etc. Und von literarischer Seite ist Jenny Downhams Buch über jeden Zweifel erhaben und durchaus der Verwendung im Deutschunterricht würdig.

Kommentare (51)

  1. Isi

    Tessa Scott ist 16 Jahre alt und nicht 15!

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