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Buchbesprechung: Nadia Budde “Such dir was aus, aber beeil dich!”

Cover BuddeLesealter 14+(Fischer-Verlag 2009, 192 Seiten)

In den Presseinformationen des Fischer-Verlags steht, dass Nadia Budde in Berlin geboren wurde – aber die Autorin ist wohl, wenn man es genau nimmt, in Ost-Berlin aufgewachsen sein, denn in „Such dir was aus, aber beeil dich!“ handeln viele Episoden vom Leben in der DDR.

Das Buch trägt den Untertitel „Kindsein in zehn Kapiteln“, und als Absolventin der Kunsthochschule hat Nadia Budde nicht nur Texte verfasst, sondern alles ist in einer Art Comic-Stil mit Sprechblasen und Bildüber- und -unterschriften illustriert.

Die zehn Kapitel tragen Überschriften wie „Alpenveilchen und Achselhaare“, „Stadttod und Landtod“ oder „Nasenbluten“ – allzu viel kann man sich darunter freilich noch nicht vorstellen. „Fahrstuhl auf!“ handelt z. B. von einem Neubaugebiet, einer typischen DDR-Plattenbausiedlung, die neu errichtet wird. Im obersten Stockwerk lebt die Erzählerin, ein Kind, das feststellt, dass nicht nur die Wohnungen alle gleich geschnitten sind, sondern dass sogar die Wohnungseinrichtungen übereinstimmen. Irgendwo in einem mittleren Stockwerk wohnt Frau Lange, die Hausvertrauensfrau mit dem Hausbuch, in das u. a. alle Westbesucher eingetragen werden müssen. Und vor dem neuen Wohnblock befinden sich Berge von Bauschutt und Erde sowie viel Schlamm, weswegen man dort nur mit Gummistiefeln spielen kann. Und Oma und Opa, die zu Besuch kommen, finden, dass die neuen Häuser wie Kaninchenställe oder Legebatterien aussehen.

Nadia Budde: Seite aus der Geschichte "Fahrstuhl auf!"

Garniert mit witzigen Bildern wird erzählt, welche Transparente in der Schule und am Wohnhaus aufgehängt wurden („Sammelt Brillen für Nicaragua!“) und dass Besucher aus dem Westen Deutschlands gerne Klopapier als Geschenk mitbrachten – vor allem, um es selbst statt des schmirgeligen Ost-Toilettenpapiers zu benutzen.

Das Tolle an Nadias Buddes Buch ist, dass es die nicht immer leicht zu nehmende Wirklichkeit – das kann man an den hier wiedergegebenen Seiten erkennen (die sich übrigens über einen Mausklick vergrößern lassen) – auf die Schippe nimmt. Da wird ironisiert, manchmal ist das Buch ein wenig sarkastisch, ab und an vielleicht sogar zynisch – und trotzdem bleibt der liebevolle Blick auf die Kindheit in der DDR, wo alle Arbeiterinnen und Arbeiter die gleiche Kleidung trugen, erhalten.

Immer wieder wird die Doppelmoral der DDR thematisiert, enthüllt …

Nadia Budde: Seite aus der Geschichte "Großeltern auf!"

… und geschildert, wie die Menschen das Beste daraus zu machen versuchen:

Nadia Budde: Folgeseite aus der Geschichte "Großeltern auf!"

Man täte dem Buch jedoch unrecht, würde man es auf eine Darstellung des Kindseins in der DDR reduzieren. Nein, „Such dir was aus, aber beeil dich!“ ist ein tragikomisches Buch, bei dem man immer wieder über die Schwächen der Menschen schmunzeln muss, ein Buch, das den Leser zum Nachdenken bringt, weil sich nicht alles gleich auf den ersten Blick und beim ersten Lesen erschließt.

Text und Bilder gehen dabei Hand in Hand. Die Sprache ist knapp gehalten, man staunt, weil Nadia Budde (mit Unterstüzung von Claudia Kühn) knapp, aber präzise formuliert und mit der Sprache spielt. Und genau das leisten auch die Bilder, die einerseits pointiert, andererseits verspielt sind und dabei den Text kommentieren und erweitern.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Was Nadia Budde mit „Such dir was aus, aber beeil dich!“ geschaffen hat, ist eine interessante Mischung aus Comic, Kurzgeschichte und Graphic Novel, gewürzt mit Geschichtlichem, Philosophie und Psychologie. Auch wenn der Fischer-Verlag anderes schreibt und das Buch ab 12 Jahren empfiehlt: Ein bisschen geschichtliches Wissen über die DDR, Gespür für Bild und Text, aber auch die Fähigkeit, um die Ecke denken zu können, muss man schon mitbringen, um von Nadia Buddes Buch zu profitieren. Doch dann eröffnet sich ein kleiner Bild-Text-Kosmos, in den man nicht nur einmal, sondern immer wieder hineinschauen mag.

Es ist gut, dass es immer wieder Bücher gibt, die einen überraschen, und Nadia Budde ist das mit den zehn Kapiteln übers Kindsein wirklich gelungen. Der Fischer-Verlag hat das Crossover-Buch außerdem in das passende äußere Gewand gepackt (in seine Reihe „Die Bücher mit dem blauen Band“), so dass nicht nur der Inhalt, sondern auch das Äußere stimmt. Herausgekommen ist ein bibliographisches Schmuckstück.

Was soll man da anderes vergeben als fünf Punkte?

blau.giflila.gifrot.gifgelb.gifgruen.gif

(Ulf Cronenberg, 22.05.2009)

(Die Seiten aus dem Buch wurden mit freundlichen Genehmigung von Sibylle Bachar aus der Presseabteilung des Fischer-Verlags in diese Buchbesprechung übernommen! Danke!)