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Buchbesprechung: Christoph Wortberg „Dieser eine Moment“

Cover Christoph WortbergLesealter 15+(Thienemann-Verlag 2010, 190 Seiten)

Es gibt Momente, die verändern ein Leben nachhaltig – und manchmal fragt man sich, warum man in diesem entscheidenden Moment nicht anders gehandelt hat. Wäre dann alles anders gekommen? Konnte man sich überhaupt anders verhalten? War das, was passiert ist, Schicksal? Unter anderem von solchen Fragen handelt Christoph Wortbergs Jugendroman „Dieser eine Moment“ – ein Thema, das durchaus seinen Reiz hat und von Christoph Wortberg auf eine ganz besondere Art und Weise aufgegriffen wird.

Inhalt:

Jan ist frisch verliebt und verbringt mit seiner Freundin Laura einen besonders schönen Nachmittag in einem Strandkorb am Meer. Noch immer kann er nicht glauben, dass die hübsche Laura ausgerechnet ihn, den schüchternen Jungen, zum Freund haben will. Als er mit dem Fahrrad von dem Treffen nach Hause fährt, kommt Jan in einen Wolkenbruch. Ganz berauscht von dem Nachmittag mit Laura ist er einen Moment unvorsichtig und breitet die Arme aus, um in seinem Glück den Regen auf sich prasseln zu lassen. Doch dabei kommt er ins Trudeln. Ein Auto, das ihm entgegenkommt, muss bremsen, gerät von der Fahrbahn und fährt gegen einen Baum.

Der Fahrer des Wagen scheint ebenso wie Jan fast unverletzt, doch die Beifahrerin reagiert nicht auf die Zurufe ihres Freundes. Jan flieht in seiner Angst, dass er für den Tod oder die schweren Verletzungen der Beifahrerin verantwortlich sein könnte. Laura, der er später alles erzählt, bestärkt ihn darin, sich nicht nachträglich der Polizei zu stellen – sie fürchtet um ihr gemeinsames Liebesglück, das doch gerade erst begonnen hat.

Jan lässt der Vorfall jedoch nicht los. Einige Zeit später sucht er, ohne sich zu erkennen zu geben, das Krankenhaus auf, in dem die junge Beifahrerin untergebracht ist, und erfährt, dass sie durch den Unfall erblindet ist. Zufällig begegnet er der Beifahrerin Monate später dann in einem Café und erfährt, dass sie Catrin heißt und studiert.

Jan ist von Catrin fasziniert und hat gleichzeitig große Schuldgefühle, und aus beiden Gründen will er sie wiedersehen. So lernen die beiden sich besser kennen, auch Catrin scheint sich für den den wortkargen Jan zu interessieren, der so anders mit ihrer Blindheit als alle anderen Menschen umgeht. Für die Beziehung von Jan und Laura beginnt eine schwere Zeit, weil sich Jan unter dem Eindruck Catrins immer mehr zurückzieht.

Bewertung:

Christoph Wortbergs Jugendroman ist ein faszinierendes Buch. Das liegt zum einen an der Geschichte, die erzählt wird, zum anderen an der Schreibweise. Was die Geschichte angeht: Gekonnt spielt der Jugendroman mit schicksalshaften Momenten, und zwar auf mehreren Ebenen. Was Jan, was aber auch Catrin passiert, sind schlimme Dinge, die nicht einfach zu verarbeiten sind. Christoph Wortberg stellt die Dramatik solcher Momente und ihrer Auswirkungen gekonnt dar, zeigt aber auch auf, dass aus solchen Schicksalsschlägen, sofern man sie bewältigt, Positives entstehen kann. Dass es dahin kein einfacher Weg ist, wird sowohl an Jan als auch an Catrin verdeutlicht.

Was mich anfangs an dem Buch etwas gestört hat, war, dass die Geschichte durch die vielen Zufälle, die sich ergeben, ein wenig überkonstruiert wirkt. Doch mit zunehmender Lesedauer habe ich mich darauf einlassen können, und ich kann letztendlich nur sagen, dass Literatur Dinge eben manchmal mit Absicht spielerisch auf die Spitze treibt, um etwas zu verdeutlichen. Geht man mit dieser Haltung an „Dieser eine Moment“ heran, stört einen die gewagte Konstruktion auch nicht mehr, sondern man kann sie als literarisches Spiel im Sinne eines Max Frisch auf sich wirken lassen. Der Schweizer Autor hat in seinen frühen Werken die These vertreten, dass durch literarische Fiktion die Wirklichkeit besser als durch das das Erzählen der Wirklichkeit abgebildet werden könne.

Das zweite besondere Moment in Christoph Wortbergs Jugendroman ist dessen Sprache. „Dieser eine Moment“ hat einen ganz eigenen Ton, den man mag oder den man nicht mag (was ich es schon von anderen Lesern des Buches gehört habe). Wortbergs Schreibweise ist intensiv, man findet viele kurze und unvollständige Sätze, zahlreiche Vergleiche und Metaphern. Eindrücklich wird dadurch die Stimmung in Situationen, werden die Gefühle der Hauptpersonen dargestellt. An der Sprache wird sich mancher Leser reiben, sie ist nicht ganz ohne die ein oder andere fragwürdige Konstruktion, aber meinen Nerv hat sie alles in allem trotzdem getroffen.

Und schließlich zeichnet Christoph Wortberg sowohl mit Jan als auch mit Catrin interessante Figuren – die junge Studentin ist dabei vielleicht die reizvollere Figur, weil sie vor allem im Umgang mit ihrer Erblindung sehr vielschichtig dargestellt wird. Gemeinsam ist Jan und Catrin, dass sie beide am Anfang des Buches ihre Lebensziele und ihre Lebensmitte noch lange nicht gefunden haben. Durch das, was passiert ist, sind sie am Ende jedoch einen Schritt weitergekommen.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „In diesem Moment“ war nicht ein Buch, das mich von der ersten Seite an gepackt hat. Das lag an dem ganz eigenen Ton, den das Buch hat und an den man sich erst gewöhnen muss. Doch je weiter ich mit dem Buch gekommen bin, desto gelungener fand ich den persönlichen Stil von Christoph Wortberg. Und auch die Geschichte hatte mich bald gefangen genommen.

Es gibt ein paar Stellen, an denen ich Sätze oder Aussagen von Figuren im Buch nicht ganz treffend fand. Um ein Beispiel zu nennen: Welcher Junge sagt zu einem anderen, der ihn anglotzt, schon: „Jetzt ist es aber gut!“ (S. 82)? Bei einem sprachlich mutigem Buch, das ansonsten etwas Besonderes ist, sei jedoch darüber hinweggesehen.

„In diesem Moment“ ist ein Buch, dem ich viele jugendliche Leser wünsche, weil es sprachlich aus dem Mainstream heraussticht, weil es sich etwas traut und weil es richtige Fragen stellt, ohne fertige Antworten zu liefern. Christoph Wortbergs Buch ist vieles: manchmal eine rührende Liebesgeschichte, die aber auch das Leid in Beziehungen darstellt, eine Selbstfindungsgeschichte und am Ende sogar ein bisschen Roadmovie.

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(Ulf Cronenberg, 20.10.2010)

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Kommentare (4)

  1. Daniel Anderson

    „Dieser eine Moment“ ist das bisher gelungenste Buch von Christoph Wortberg, von „Farbe der Angst“ vielleicht einmal abgesehen. Das, was hier beschrieben wird, ist in höchstem Maße dramatisch und episch zugleich, die eigene Sprache und das Schicksalhafte des Plots realisieren Welt, die unbemerkt nebenan existieren könnte. Es ist das große Verdienst des Buches, dass es sich nicht mit Gefühlsbefindlichkeiten zufrieden gibt. Und das macht dieses Buch auch zu einem Werk, dessen Kategorisierung als Jugendbuch nur zum Teil zutreffend ist. „Dieser eine Moment“ verlässt ausgetretene Jugendbuchpfade, und die Vergabe der Höchstpunktzahl empfinde ich mehr als gerechtfertigt.

  2. Ulf Cronenberg

    Daniel, das klingt ja noch lobender als meine Buchbesprechung – fast als wäre das der Werbetext aus einem Verlagsprospekt … 🙂

  3. Rebekka, 13

    Das Buch „Dieser eine Moment“ wurde mir von einer Buchhändlerin empfohlen und das nicht umsonst. Inzwischen ist es zu meinem Lieblingsbbuch geworden, und obwohl ich es in kürzeren Abständen schon mehrmals gelesen habe, wurde es nicht langweilig. Es ist so aufrichtig und real geschrieben, dass es einfach unbeschreiblich zu lesen ist, unbeschreiblich, wie jeder Moment im Leben …

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