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Buchbesprechung: Anders Johansen „Das schwarze Loch in mir“

Cover: Anders Johansen „Das schwarze Loch in mir“Lesealter 12+(Beltz & Gelberg-Verlag 2016, 295 Seiten)

Anders Johansen ist ein dänischer Autor, der anscheinend schon viele Bücher geschrieben hat, „Das schwarze Loch in mir“ ist jedoch, wenn ich richtig recherchiert habe, das erste Buch (im Original schon 2012 erschienen), das von ihm ins Deutsche übersetzt wurde. Zu dem Buch inspiriert wurde Johansen übrigens durch eine Reise auf die Färöer-Inseln, wo er über einen Berg in ein Dorf lief und durch einen neu erbauten Tunnel durch den Berg zurückging. Das Szenario findet man in dem Buch wieder, auch wenn die Insel und das Dorf einen anderen Namen tragen und somit fiktiv sind.

Inhalt:

David ist anders als Gleichaltrige. Das haben seine Eltern schon relativ früh bemerkt, aber vor allem auch seinem Lehrer ist es in der Schule aufgefallen. Mit seinen Eltern und dem großen Bruder Peter lebt David in dem kleinen abgeschiedenen Ort Fjeldvig auf einer Insel nicht weit vom Polarkreis entfernt. Nach Fjeldvig kommt man nur, wenn man über einen Berg ins nächste Städtchen wandert. Güter und Lebensmittel werden durch ein Schiff angeliefert, Davids Vater holt mehrmals in der Woche die Post, indem er über den Berg läuft.

Für David ist das Leben in Fjeldvig angenehm – hier weiß er, was ihn erwartet, Veränderungen findet er anstrengend. In der Dorfschule wird er zwar immer wieder von anderen geärgert und getriezt, aber sowohl sein Lehrer Joensen als auch sein Bruder Peter haben ein Auge auf ihn und helfen ihm.

Doch das beschauliche Leben in Fjeldvig droht ein Ende zu nehmen, weil die Regierung beschließt, einen Tunnel durch den Berg zu graben. Fjeldvig soll endlich an den Rest der Welt angeschlossen werden. Davids Vater, der sehr religiös ist, sträubt sich dagegen und will alles dafür tun, dass es nicht so weit kommt, doch letztendlich wird der Tunnel gebaut. Das ist jedoch nur der Beginn von zahlreichen Veränderungen, die auf die Bewohner Fjeldvigs und damit auch auf David zukommen. Schon bald sind die Bewohner des Dorfs über vieles entzweit, und auch für David wird manches schlimmer.

Bewertung:

Auch wenn in Bezug auf die Veränderungen in Fjeldvig einiges passiert, insgesamt ist „Das schwarze Loch in mir“ (Übersetzung: Gabriele Haefs; Originaltitel „Hullet“ ) ein eher beschauliches Buch, und das liegt vor allem an seiner Erzählweise. David ist – das sei gleich vorweggenommen – Autist, und er selbst erzählt die Geschichte dazu passend eher neutral und beobachtend als mit vielen Gefühlen und Spannung. Auch wenn man es schwarz auf weiß erst fast am Ende präsentiert bekommt, man ahnt als aufmerksamer Leser schon bald, dass David autistisch sein könnte.

Beschaulich, behutsam – das sind die passenden Adjektive für „Das schwarze Loch in mir“, und diese Unaufgeregtheit muss man mögen, sich auf sie einlassen können. Belohnt wird man dann damit, dass man eine recht genaue Idee davon bekommt, wie ein Autist denkt und wie es ihm geht – und das wird zum Glück nicht mit der Brechstange vermittelt. Man erfährt, dass David sich schwertut, Körperkontakt zuzulassen, dass er Bildsprache meist nicht entschlüsseln kann, dass er auch Schwierigkeiten hat, Gefühlslagen anderer Personen zu erkennen. Es sind lauter solche Kleinigkeiten, die einem vieles über die Denkweise von Autisten verraten. Ein Beispiel aus dem Buch:

„Nur einen Raben“, sagte ich. „Corvus corrax.“
„Du brauchst nicht jedes Mal den lateinischen Namen zu sagen, David“, sagte Lehrer Joensen lächelnd. „Das macht doch eigentlich zu viel Mühe.“
Das finde ich nun wirklich nicht. Im Gegenteil, es wäre doch mühsamer, ihn nur jedes dritte oder jedes siebte Mal zu sagen. Dann müsste ich ja diese Rechnung im Kopf behalten. (S. 85)

Zu den Höhepunkten gehört auch, wenn David mit Metaphern konfrontiert wird. Manche hat er zu verstehen gelernt, weil sie ihm jemand erklärt hat, bei anderen wundert er sich immer wieder, warum die Menschen so sprechen … Manchmal hat das leicht komische Momente.

Was „Das schwarze Loch in mir“ darüber hinaus ausmacht, sind seine Figuren. Davids Vater ist sehr religiös und deswegen als Person oft für seine Mitmenschen schwer auszuhalten. Hinter jeder Veränderung wittert er ein Werk des Teufels. Das führt nicht nur zu Konflikten mit Davids großem Bruder Peter, der als Jugendlicher frei sein will, sondern auch mit den anderen Dorfbewohnern. Davids Mutter dagegen ist die gute Seele der Familie, die allerdings in dem Buch eher im Hintergrund bleibt. Zentral ist schließlich Peter, der seinen schützende Hand über David hält. Hinzu kommen viele Originale – verschrobene Dorfbewohner, die zahlreiche Macken und Schrulligkeiten besitzen.

Was Anders Johansen gut gelingt, ist die Verbindung von Natur und innerem Erleben. Davids Seelenlage wird in Naturerscheinungen und der Rahmenhandlung immer wieder widergespiegelt, da kann man vieles symbolisch sehen: Fjeldvig ist abgeschieden vom Rest der Welt wie David durch seinen Autismus, und den Tunnel kann man als dünnen Kontakt zur Außenwelt sehen. Gekonnt und kunstvoll ist das alles arrangiert, und man ahnt, dass in dem Buch einiges an Arbeit steckt.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Ein stromlinienförmiges Buch ist „Das schwarze Loch in mir“ ganz bestimmt nicht. Die Geschichte kommt ohne große Höhepunkte aus, sie entwickelt sich langsam, aber kontinuierlich, und das dürfte dazu führen, dass man dieses Jugendbuch nicht gerade allen Jugendlichen in die Hand drücken kann. Für dieses Buch braucht man Geduld, man muss sich für Menschen interessieren und auf Spannung verzichten können.

Doch genau das macht Anders Johansens Buch auch sympathisch und empfehlenswert. Es gibt einige Jugendromane, in denen Autisten die Hauptfigur sind, aber sie leiden oft darunter, dass sie nach typisch amerikanischen creative-writing-Mustern geschrieben wurden, wo es unter anderem zum Konzept gehört, eine außergewöhnliche Hauptfigur zu haben und ansonsten eine leicht überdrehte Geschichte zu erzählen. „Das schwarze Loch in mir“ ist frei davon, und das gefällt mir.

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(Ulf Cronenberg, 10.09.2016)

Kommentar (1)

  1. Babsi

    Dass die Geschichte so authentisch ist, hat mir auch sehr gefallen daran. 🙂
    Ich finde es schön, dass du so objektiv über dieses Thema schreibst und mit Offenheit und Neugier an das Buch herangegangen bist.
    LG Babsi

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