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Buchbesprechung: Tamara Bach „Vierzehn“

Cover: Tamara Bach "Vierzehn"Lesealter 14+(Carlsen-Verlag 2016, 107 Seiten)

Ich war froh, als Tamara Bach 2012 mit „Was vom Sommer übrig ist“ nach ein paar Jahren Schaffenspause wieder auf der Bühne der Jugendliteratur erschienen war, denn die in Berlin lebende Autorin ist immer für ein besonderes Buch gut. „Vierzehn“ ist nun der dritte Jugendroman seit 2012, und immer waren es schmale Bändchen, die Tamara Bachs seitdem geschrieben hat – das ist auch diesmal so.

Inhalt:

Beh ist 14 Jahre alt, und weil sie die Wochen vor den Sommerferien krank war, sieht sie am ersten Schultag nach längerer Pause erstmals wieder ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Ihrem neuen Klassenlehrer, den sie in Mathe und Englisch hat, eilt ein Ruf voraus: Er sei streng, aber fair, verlange außerdem viel. Aber damit hat Beh keine Probleme. Sie war schon immer eine recht gute Schülerin.

Von ihren Mitschülerinnen wird Beh am ersten Schultag zum Teil etwas seltsam behandelt. Sie machen Andeutungen, die Beh nicht so richtig versteht, und sind nicht wirklich nett zu ihr. Nur Jeanette will unbedingt später noch etwas mit Beh unternehmen, und es scheint so, als ginge es dabei um einen Jungen, von dem die Klassenkameradin ihr erzählen will.

Dann ist da noch eine Neue in der Klasse: Maxima, die niemand so richtig einordnen kann, weil sie anders als die anderen ist. Jedenfalls muss sie sich neben Beh setzen, weil dort der einzig freie Platz im Klassenzimmer ist. Für Beh fühlt sich die Rückkehr in die Schule nach der längeren Pause jedenfalls merkwürdig und befremdlich an – als würde sie in eine Welt kommen, zu der sie nicht mehr so richtig gehört …

Bewertung:

Dass man in die Bücher von Tamara Bach nicht immer sofort hineinkommt und dafür etwas braucht, ist nichts Neues. Bei „Vierzehn“ war das nicht anders – lange habe ich mich jedenfalls gefragt, was für ein Buch ich da eigentlich lese, worum es eigentlich geht. Lange habe ich auch gewartet, dass irgendein großer Knall kommt, irgendein Geheimnis aufgedeckt wird, das die ersten 50 Seiten in ein anderes Licht rückt – zum Beispiel hinsichtlich Behs Krankheit, die immer nur in Rätseln thematisiert wird. Aber so richtig kam da nichts. Fast etwas enttäuschend, war mein erster Eindruck.

Vordergründig plätschert „Vierzehn“ ein bisschen dahin, zumindest bis zur Hälfte … Aber: Als ich mit dem Buch fertig war, es in mir hab nachhallen lassen, ist mir erst klar geworden, dass „Vierzehn“, das so eigenartig daher kommt, ein ziemlich raffiniertes Buch ist, das sehr bewusst geschrieben und gekonnt konzipiert wurde.

An dieser Stelle sollte ich eine Warnung aussprechen: Hört auf, diese Buchbesprechung zu lesen, wenn ihr euch wie ich von dem Buch etwas überraschen lassen wollt. Ich kann schlecht beschreiben, was mir an „Vierzehn“ gefallen hat, wenn ich nicht ein bisschen erläutere, worum es geht – aber damit nehme ich potenziellen Lesern auch ein Stück der irritierenden Überraschung, die der Band bietet. „Vierzehn“ schildert jedenfalls den Tag eines Mädchens, das vierzehn ist – vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Bis man das kapiert hat (sofern man nicht die Verlagsinformationen gelesen hat, was ich ganz mit Absicht in der Regel nicht tue), dauert es eine Weile und ist dann vom Ende des Buchs nicht mehr so weit entfernt.

Tamara Bach hat vieles geschickt arrangiert. Es geht damit los, dass man den richtigen Namen Behs erst auf der letzten Seite erfährt – vorher gibt es nur Andeutungen und einmal den Spitznamen der Hauptfigur: Beh. Dass Beh vor den Ferien länger krank und ansteckend war, bekommt man bald mit, aber über Genaueres wird man erst recht spät ins Bild gesetzt. Und dass Behs Familiensituation gerade ziemlich kompliziert ist, wird klar, als sie ihren Vater – eher zufällig als geplant – an dem Nachmittag besucht. Das Vorbeischauen bei ihm wühlt Beh ziemlich auf.

Ganz nebenbei enthält „Vierzehn“ auch noch eine kleine Liebesgeschichte, die sehr zart und einfühlsam erzählt wird, die andeutet, dass da etwas Schönes auf Beh wartet. Dargestellt ist sie jedenfalls in ihrer Behutsamkeit sehr anrührend. Gut inszeniert sind auch die kleinen Spielchen und Intrigen zwischen den Mädchen in der Klasse: ebenfalls behutsam, ohne übertrieben zu wirken.

Gewagt provokant ist dagegen der Erzählstil von „Vierzehn“: Keine Ich-Erzählung, kein Roman in personalem oder auktorialem Erzähstil ist „Vierzehn“, sondern eine Du-Erzählung:

Morgen
Du schläfst. Du träumst.
Von Elefanten und deiner Oma. Du hast was vergessen und musst irgendwohin. Und dann eben deine Oma, die da steht und irgendwas über Elefanten sagt, und du fragst: »Welche Elefanten meinst du denn?«, und sie sagt: »Jetzt frag doch nicht so dumm, die Elefanten, darum solltest du dich doch kümmern!«

So beginnt der Roman und so geht es das ganze Buch weiter. Ungewöhnlich ist dieser Stil, nicht ganz neu, aber wenn er ein ganzes Buch durchgehalten wird, ziemlich eigen und gewöhnungsbedürftig. Er schafft eine seltsame Mischung aus Distanz und Nähe, die sich schwer beschreiben lässt. Man fühlt sich als Leser angesprochen, aber zugleich so, als würde man alles aus der Ferne betrachten.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Vierzehn“ zeigt einmal mehr, was ich an Tamara Bachs Büchern mag: Sie sind nicht vorhersehbar. Tamara Bach traut sich was, geht immer wieder neue Wege. Die Gemeinsamkeit der letzten Bücher liegt am ehesten darin, dass es schmale Bändchen sind, die von Mädchen im Jugendalter erzählen. „Vierzehn“ ist dabei ein Buch der leisen Töne, das sehr einfühlsam und authentisch den Tag einer Vierzehnjährigen schildert.

Die Idee, eine Vierzehnjährige einen Tag lang zu verfolgen, mitzuerleben, was Beh erlebt – mit ziemlich viel alltäglichem, aber auch kleinen Besonderheiten wie dem schon länger ausstehenden Besuch beim ausgezogenen Vater – gefällt mir ausgesprochen gut. Da wirkt auch nichts übertrieben: Alles ist, wie es sein könnte. Klar, „Vierzehn“ dürfte bei Jugendlichen ausschließlich Mädchen in einem ähnlichen Alter gefallen; dass Jungen dieses Buch mit Freude lesen, halte ich eher für unwahrscheinlich. Ansonsten ist das ein Buch, zu dem auch Erwachsene greifen können – und das dürfen dann (der Versuch ist bei mir ja geglückt) auch Männer sein … 😉

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(Ulf Cronenberg, 09.10.2016)

Kommentare (2)

  1. Britta Kiersch

    Hallo Ulf, das seh ich genau wie Du: Tamara Bach ist einfach unglaublich gut! Ihr Erzählstil und ihre Inhalte fügen sich kongenial zusammen, das ist so stimmig und beeindruckend minimalistisch. Jeder Satz ist wichtig und all das zwischen den Zeilen (das einen beim Lesen förmlich anspringt) nicht minder. Ich bin auch sehr begeistert. Wie schafft sie das nur, dass man schon nach ein paar Sätzen weiß: Das ist Tamara Bach. Sie hat so eine ganz typische Sprache, eine ganz individuelle Stimme. Das ist herausragend.

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