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Buchbesprechung: Julya Rabinowich „Dazwischen: Ich“

Cover: Julya Rabinowich „Dazwischen: Ich“Lesealter 12+(Hanser-Verlag 2016, 255 Seiten)

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ich das unscheinbare Bändchen mit dem zwar zum Inhalt passenden, für meinen Geschmack aber eher wenig werbewirksamen Cover gelesen hätte, wenn es nicht einen Zufall gegeben hätte. Jedenfalls saß ich auf der Buchmesse am Hanser-Stand und kurz bevor ich aufgestanden bin, wurde mir eine Frau vorgestellt, die die ganze Zeit mit am Tisch gesessen war. Und das war Julya Rabinowich. In ein paar Sätzen wurde mir dann erzählt, worum es in ihrem aktuellen Buch geht. Und deswegen hier nun die Buchbesprechung dazu …

Inhalt:

Madina ist 15 Jahre alt und stammt aus einem Kriegsgebiet (das nicht genauer benannt wird – auch wenn ich immer Syrien vor Augen hatte). Mit ihrem Vater, ihrer Mutter, dem kleineren Bruder Rami und Tante Amina ist die Familie in einer angemieteten Flüchtlingspension untergebracht, mehr schlecht als recht …

Für ihren Vater, der nicht Deutsch spricht, muss Madina immer dolmetschen, wenn er zu den Behörden muss; denn das Mädchen ist die Einzige in der Familie, die schon recht gut Deutsch spricht. Das liegt vor allem daran, dass sie zur Schule geht, und dort hat sie inzwischen auch eine Freundin: Laura. Von einer Lehrerin bekommt Madina Privatnachhilfe, und auch wenn sie weiß, dass sie das schätzen sollte, sie findet die Lehrerin aufdringlich und geht nicht wirklich gerne hin.

Madinas Familie ist froh, dem Krieg entflohen zu sein, doch in Mitteleuropa fällt es vor allem Madinas Vater schwer zurechtzukommen. Sein ganzes bisheriges Leben ist auf den Kopf gestellt: Er, der früher Arzt war, fühlt sich ohne Arbeit nutzlos, seine bisherigen Werte passen nicht zu denen in Mitteleuropa, und dementsprechend unberechenbar und launisch ist er inzwischen – ganz anders als früher.

Darunter leidet vor allem Madina, denn als Mädchen hat sie nichts zu sagen und muss sich unterordnen. Als Laura z. B. an einem Abend ihren 15. Geburtstag feiern will, erlaubt Madinas Vater nicht, dass seine Tochter dort bleibt. Sie darf nur nachmittags helfen, und Rami, der kleine Bruder, muss als Aufpasser mit dabei sein. Noch etwas anderes belastet Madina: Sie bekommt von Tante Amina indirekt mit, dass ihr Vater in der Heimat etwas Schlimmes getan hat. Doch niemand will Madina darüber genauere Auskunft geben.

Bewertung:

„Dazwischen: Ich“ ist als Tagebuch geschrieben, das Madina führt – das Mädchen hat das Büchlein von Lauras Mutter geschenkt bekommen und hält darin fest, was um es herum passiert und was es beschäftigt. Sehr geschickt ist das gemacht, weil Julya Rabinowich damit eine Romanform gewählt hat, die authentisch wirkt – passend bei einem Buch, das einem nahebringen will, wie sich ein Flüchtlingsmädchen fühlt.

Madina ist eine gekonnt gezeichnete Figur, und Julya Rabinowich ist sehr nah an dem Mädchen dran. Man erfährt an vielen Stellen genau, was in Madina vorgeht: ihre Ängste, ihre Sorgen, ihre Nöte, aber auch, dass sie es zu schätzen weiß, dem Krieg entflohen zu sein. Bei dem Belastenden, das Madina mit sich herumschleppt, ist der Roman sehr einfühlsam, denn es wird nicht direkt von den Kriegserlebnissen und Kriegstraumata Madinas erzählt, sondern all das wird eher indirekt vermittelt: dass Madina Angst im Dunkeln hat, dass sie unsichere Situationen nicht mag etc. Dass die Kriegserlebnisse Madinas kaum aufgegriffen werden, zeichnet das Buch aus und macht es auch für jüngere Leser zu einer geeigneten Lektüre.

Allerdings fand ich das Buch im ersten Drittel manchmal etwas anstrengend. Malina ist hier recht verplappert, irgendwie passiert in dem Buch zugleich noch nicht so viel, und so hab ich mich lange ein bisschen zum Weiterlesen animieren müssen. Doch das Durchhalten hat sich gelohnt, denn die zweite Hälfte des Romans habe ich dann verschlungen. Hier bauen sich die Konflikte zwischen Madina und ihrem Vater immer mehr auf, es geht ans Eingemachte, und für Madina spitzt sich alles immer mehr zu. Hier kommt dann auch eine gewisse Spannung ins Buch. Hinter allem steht außerdem die ständige Sorge, nicht als Flüchtling anerkannt, sondern abgeschoben zu werden.

Was mich lange irritiert hat, ist, dass ich Madina in der ersten Hälfte nicht abgenommen habe, dass sie 15 Jahre alt ist. Ich hatte beim Lesen ständig ein vielleicht 12-jähriges Mädchen vor meinem inneren Auge – hier stimmt für mich der Schreibstil nicht mit dem angegebenen Alter überein, mir sind die Darstellungen aus der Sicht Madinas zu kindlich gehalten. Allerdings bin ich – sei es, dass ich mich daran gewöhnt hatte, sei es, dass sich hier doch was geändert hat – in der zweite Hälfte des Romans nicht mehr über den zu kindlichen Ton gestolpert, und meine anfänglichen Bedenken dem Buch gegenüber waren dann verflogen.

Was mir in jedem Fall gut an „Dazwischen: Ich“ gefällt, ist, dass darin sehr gekonnt und einfühlsam Madinas Gefühle beschrieben werden – sprachlich immer auch ein bisschen verspielt und virtuos:

„Und trotz all den Tränen und dem Schuldgefühl spüre ich auch, dass ich ein Stück weiter weg stehe als vorher. Wenn unsere Familie ein Haus wäre, stünde ich jetzt auf der Schwelle, mit einem Fuß im Garten, die Gartentür im Blickweite.“ (S. 152)

Man erfährt in dem Buch – um noch einmal darauf zurückzukommen – viel über die Nöte von Flüchtlingen, insbesondere wie groß der Kulturschock ist, den sie aushalten müssen. Madina kommt damit ganz gut zurecht, weiß die Freiheit, die das für sie als Mädchen bedeuten kann, bald zu schätzen, ihrem Vater jedoch gelingt das gar nicht. Er klammert sich vehement und hilflos an seine alten Moralvorstellungen und macht die Situation für alle schlimmer.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Mir ist der Einsteig in Julya Rabinowichs Buch nicht ganz leicht gefallen. Vielleicht hätte sich die Dramatik der Geschichte ein bisschen früher entfalten sollen … Doch als ich über diese Hürde hinweggelesen hatte, zeigte sich, dass „Dazwischen: Ich“ (übrigens ein schlau gewählter Titel, der Madinas Stellung sehr genau beschreibt) ein gelungenes Buch ist. In Madinas Tagebucheinträgen wird vieles, was Flüchtlingskinder erleben, beschrieben: die Ängste, die sie mitbringen, die Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden, aber vor allem auch das Hin- und Hergerissensein zwischen den alten familiären Traditionen und der neuen westlichen Gesellschaftsordnung.

Madina zerreißt es dazwischen fast. Was ihr hilft – davon erzählt dieses Buch auch – sind unterstützende Personen, die zuhören, die sie ernst nehmen, die ihr helfen, sich zurechtzufinden. Das Glück, das Madina in dem Buch hat, indem sie die richtigen Personen findet, hat beileibe nicht jedes Flüchtlingskind … Hinzu kommt, dass Madina stark ist – trotz der Verzweiflung, die immer wieder in ihr aufkommt. Das Verdienst von Julya Rabinowich ist jedenfalls, dass sie Lesern ab 12 Jahren passend beibringt, was es heißt, als Kind aus einem Kriegsgebiet nach Europa gekommen zu sein.

Persönlich hätte ich mir manchmal gewünscht, dass ich noch etwas mehr über die früheren Erlebnisse von Madina erfahre – aber das ist in der Kinder- und Jugendliteratur immer eine Gratwanderung. „Dazwischen: Ich“ ist eben ein Buch, das man 12-Jährigen in die Hand drücken kann, weil es nichts vertuscht, aber eben auch nichts Schockierendes enthält. Hätte Julya Rabinowich mehr hineingepackt, wäre das Buch wohl nur für ältere Leser zu empfehlen gewesen – so ist das Buch ein Grenzgänger zwischen Kinder- und Jugendbuch geworden, den man dennoch auch Erwachsenen empfehlen kann.

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(Ulf Cronenberg, 12.11.2016)

Lektüretipp für Lehrer!

Das Thema Flüchtlinge beschäftigt viele Kinder und Jugendliche. Um im Deutschunterricht, in den Fächern Ethik oder Religion Schülerinnen und Schülern deutlich zu machen, was es heißt, als Flüchtlingskind in ein europäisches Land zu kommen, eignet sich „Dazwischen: Ich“ hervorragend. Allerdings ist es eher ein Buch für Mädchen als für Jungen, und von daher ist es wohl sinnvoll, weitere Jugendbücher zu der Thematik zur Auswahl zu stellen – zum Beispiel Wolfgang Böhmers „Hesmats Flucht“, das von einem Jungen handelt, aber literarisch leider gegenüber „Dazwischen: Ich“ abfällt. Aber vielleicht ist das auch nicht so wichtig – bereichernd ist es in jedem Fall, mehrere Bücher über Flüchtlinge zu lesen und sich dann im Unterricht auszutauschen.

Kommentare (3)

  1. Britta Kiersch

    Hallo Ulf,
    es gibt noch von Daniel Höra „Das Schicksal der Sterne“ in dem ein Junge, der mit der Familie nach Deutschland geflohen ist, einen alten Mann kennenlernt, der als Jugendlicher im zweiten Weltkrieg die Heimat verlassen musste. Nicht zu vergessen von Anna Kuschnarowa „Kinshasa Dreams“ – ihre Geschichte basiert ja auf den Erlebnissen eines ehemaligen Lebensgefährten, der in Kinshasa geboren als Jugendlicher nach „Europa“ aufbricht und sie erzählt sehr eindrücklich von seinen Erlebnissen auf der Flucht.
    Das sind beides sehr gute Romane zu dem Thema in denen die Hauptfigur männlich ist. Allerdings bin ich der Meinung, dass man Jungen durchaus zutrauen darf, Bücher mit einer weiblichen Protagonistin zu lesen! Die Hauptsache ist doch wohl, dass es ein gutes Buch ist?!
    Liebe Grüße, Britta

  2. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

    Hallo Britta,
    danke für die Ergänzungen – „Kinshasa Dreams“ habe ich ja auch gelesen und besprochen, das Buch von Daniel Höra leider nicht.
    Und natürlich darf man Bücher mit weiblichen Hauptfiguren auch Jungen zu lesen geben, aber in dem Fall glaube ich, dass Madina nicht so richtig passt, weil alles doch recht mädchenhaft ge- und beschrieben ist.
    Viele Grüße zurück, Ulf

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