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Buchbesprechung: Erna Sassen „Komm mir nicht zu nah“

Lesealter 15+(Verlag Freies Geistesleben 2016, 174 Seiten)

Mit „Das hier ist kein Tagebuch“ war die Niederländerin Erna Sassen erst dieses Jahr für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert worden – bekommen hat den Preis dann jedoch jemand anderes. Gelesen habe ich das nominierte Buch – leider – nicht, mir nun aber zumindest Erna Sassens zweiten ins Deutsche übersetzten Jugendroman angeschaut. In letzter Zeit – das fällt mir auf – finden wieder recht viele Jugendbücher aus dem niederländischen Sprachraum (da gehört ja auch das belgische Flandern dazu) den Weg ins Deutsche – das war in den letzten 20 Jahren nicht immer so.

Inhalt:

Marjolijn ist eineinhalb Jahre älter als ihre Schwester Reva, doch auch wenn beide nicht mehr zu Hause wohnen: Sie haben noch immer viel miteinander zu tun, und es ist vor allem Reva, die ständig den Kontakt zu ihrer Schwester sucht. Marjolijn fühlt sich für Reva verantwortlich, denn bei Reva läuft vieles nicht gerade rund.

Reva geht in Amsterdam auf eine Schauspielschule und schleppt einen großen Packen Probleme mit sich herum. Dass Reva früher eine Essstörung hatte und oft ihr Essen wieder rausgekotzt hat, weiß Marjolijn, aber dass die Essstörung letztendlich nie verschwunden ist, sondern das seit Jahren so geht, erfährt Marjolijn recht spät. Reva hat außerdem ein komisches Verhältnis zu Männern und schleppt immer seltsame Typen an, die nicht gut mit ihr umgehen. Vor allem einer ihrer Theaterlehrer, mit dem sie ein Verhältnis anfängt, spielt ihr übel mit … Und Marjolijn vermutet, dass die Krise, als der Theaterlehrer Reva fallen lässt, vor allem dafür verantwortlich ist, dass Reva irgendwann in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden muss.

Für Marjolijn ist die Verantwortung, die sie für Reva fühlt, ziemlich belastend. Reva ruft ziemlich oft mitten in der Nacht an, weil sie nicht schlafen kann und ihr so vieles durch den Kopf geht. Marjolijn schafft es nicht, Reva davon abzubringen – sie macht sich zu viele Sorgen um ihre kleine Schwester, als dass sie Reva auch mal zurückweisen könnte.

Bewertung:

Man könnte „Komm mir nicht zu nah“ (Übersetzung: Rolf Erdorf; niederländischer Originaltitel: „Kom niet dichterbij“) als Psychogramm zweier gerade erwachsen gewordener Schwestern bezeichnen, aber auch als Geschichte einer psychischen Erkrankung. Reva pendelt seit Jahren zwischen Bulimie und Magersucht hin- und her, ist aber auch in ganz anderen Bereichen gefährdet. Marjolijn kümmert sich um ihre jüngere Schwester, kann sich aber nicht von deren Problemen distanzieren.

Erna Sassen erzählt die Geschichte nur aus der Sicht Marjolijns – das ist fast etwas ungewöhnlich. Dass nicht die Innensicht der psychisch gefährdeten Person wiedergegeben wird, sondern nur eine „Mitleidende“ alles berichtet, macht aber den besonderen Reiz des Buchs aus. Ja, man hätte auch Revas Sicht in das Buch mit einfließen lassen können, aber dann hätte das Buch einen anderen Schwerpunkt gesetzt: weg von den Schwierigkeiten der helfen wollenden Schwester. Zugleich ist die Erzählperspektive auch raffiniert, denn in die Rolle einer psychisch kranken Frau zu schlüpfen, wäre vielleicht schwieriger gewesen.

Erzählt wird „Komm mir nicht zu nah“ nicht chronologisch, sondern in episodenhaften Kapiteln. Das Buch beginnt mit einer Szene, mit der am Ende der Kreis des Romans wieder geschlossen wird. Dazwischen liegen verschiedene Stationen aus Marjolijns und Revas Leben, die fast anekdotisch erzählt werden: Schlaglichter aus dem Leben der beiden Schwestern.

Was Marjolijn mitmacht, ist schon ziemlich heftig: Die ständigen nächtlichen Anrufe sind anstrengend und nervenaufreibend, das was Reva erzählt sowieso, denn Reva ist ein einziges Nervenbündel: hängt sich an unmögliche Männer heran, zweifelt ständig an sich selbst, ohne aber wirklich etwas ändern zu wollen und zu können, ist oft antriebslos und depressiv, dann wieder so aufgekratzt, dass es kaum auszuhalten ist. Marjolijn lässt sich in all das hineinziehen, sie kann sich nicht wehren und gerät somit in etwas, das man psychologisch als Verstrickung und Ko-Abhängigkeit bezeichnet: Man leidet (fast) genauso wie die eigentlich psychisch kranke Person und hält mit seinem Tun zugleich auch das psychisch labile Verhalten der anderen Person aufrecht. Ja, Reva und Marjolijn sind ein eingespieltes Team – nicht im positiven Sinn, sondern eher eine Leidensgemeinschaft.

Zurück hält sich Erna Sassen in dem Buch mit Ursachenerklärungen für Revas psychische Störungen. Im Hintergrund wird zwar nicht unbedingt eine liebevolle und glückliche Familiensituation geschildert (der Vater schluckt seit Jahren Beruhigungstabletten), aber es bleibt unklar, warum Reva so viele Probleme hat, während Marjolijn diese kaum kennt. Es mag Leser geben, die das stören könnte, ich finde das aber durchaus schlüssig, denn oft lassen sich auch im wirklich Leben nicht so einfach Ursachenzuschreibungen vornehmen, wie man das manchmal gerne hätte.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Komm mir nicht zu nah“ ist ein beeindruckendes Buch, das einen auch nach der letzten Seite beschäftigt. Es tauchen viele Fragen auf: Warum ist Reva eigentlich so schwierig? Hat Marjolijn als große Schwester sich richtig verhalten oder hätte sie Reva anders besser helfen können? Vordergründig ist Marjolijn für Reva da; aber das heißt nicht unbedingt – und diese Zweifel kommen beim Lesen irgendwann auf –, dass Marjolijn das Richtige tut. Man kann nur jedem empfehlen, der in eine Situation wie Marjolijn gerät, sich Beratung und Hilfe zu holen …

Erna Sassens zweiter Jugendroman ist sicher eher ein Buch für Mädchen (ab 14 oder 15 Jahren) – oder für psychologisch interessierte Erwachsene. Ich würde mir wünschen, dass es ein solches Buch auch über zwei Jungen gibt – mir fällt zumindest keines ein, das dieses wichtige Thema aufgreift. Denn in eine Situation wie Marjolijn kommen sicher viele Jugendliche: Was mache ich, wenn ein Freund, eine Freundin, der Bruder oder die Schwester massive psychische Probleme hat? „Komm mir nicht zu nah“ gibt auf diese Frage keine Antwort, es liefert Denkanstöße – aber das ist letztendlich schon mal recht viel.

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(Ulf Cronenberg, 20.12.2016)

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