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Buchbesprechung: Anne-Laure Bondoux „Das Glück ist nicht immer gerecht“

Lesealter 13+(dtv 2016, 236 Seiten)

In den letzten Jahren sind auf Deutsch mehrere Jugendromane von Anne-Laure Bondoux erschienen – alle im Carlsen-Verlag. „Die Zeit der Wunder“, das den Anfang gemacht hat, ist ein hochaktuelles Buch, weil er ein Flüchtlingsschicksal beschreibt; der Roman war auch gleich für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Nun ist bei dtv ein Frühwerk der Autorin aus dem Jahr 2004 erschienen, und ich war neugierig wie es im Vergleich zu den Büchern der letzten Jahre ist. Übrigens: Das neueste Buch von Anne-Laure Bondoux bei Carlsen („Bella Rossas anderes Glück“) liegt auch schon vor – das muss noch ein bisschen warten …

Inhalt:

Die Eltern von Mado und Patty sind vor einem knappen Jahr bei einem Autounfall beide ums Leben gekommen, und seitdem kümmert sich die 20-jährige Patty um die fünf Jahre jüngere Mado. Das ist zumindest der offizielle Status für das Jugendamt, der jedoch die Wirklichkeit nicht ganz richtig beschreibt; denn oft hat man den Eindruck, dass Mado, die noch zur Schule geht und vor den Sommerferien noch Prüfungen hat, lebenstüchtiger als ihre große Schwester ist.

Auch wenn mit dem Ferienhaus, das ihre Eltern hinterlassen haben, schlechte Erinnerungen verknüpft sind, weil diese auf der kurvenreichen Straße dorthin verunglückt sind: Mado und Patty beschließen dorthin zu fahren. Ein bisschen Erholung haben sie dringend nötig, denn Patty, das hat Mado erst kürzlich erfahren, ist schwanger, und zwar schon ziemlich weit fortgeschritten.

Für beide war das ein großer Schock. Mado wollte am liebsten das Jugendamt, das sie betreut, informieren; doch nach kurzem Nachdenken ist bei beiden die Sorge zu groß, dass ihre derzeitige Situation, bei der Patty sich als Erwachsene um die jüngere Schwester kümmert, durch die Schwangerschaft nicht weiter geduldet würde. Der Vater des Kindes heißt Luigi, aber Patty will nichts mit ihm zu tun haben, denn er habe sie wegen einer anderen Frau sitzen lassen, erzählt sie Mado.

Bewertung:

Zwei Schwestern – auf sich allein gestellt, die Eltern vor kurzem ums Leben gekommen, die große Schwester schwanger: Das riecht schon sehr nach dick aufgetragenem Problembuch. Doch seltsamerweise stört dieses Szenario in „Das Glück ist nicht immer gerecht“ (Übersetzung: Maja von Vogel; französischer Originaltitel: „La vie comme elle vient“) ganz und gar nicht, und das liegt vor allem daran, dass die Geschichte mit jugendlich-naivem Ton von der 15-jährigen Mado erzählt wird.

Naiv ist Mado allerdings gar nicht, im Gegenteil, sie ist die vernünftigere und bedachtere der beiden Schwestern, die, die sich mehr Gedanken und Sorgen macht, die planvoller als die große Schwester handelt. Indem Mado die Geschichte erzählt, zeigt sie jedoch auch ihre zweifelnde – ja, man könnte auch sagen: verzweifelte – Seite, die sie bei aller Lebenstüchtigkeit ebenfalls in sich trägt. Für eine 15-Jährige ist Mado trotzdem sehr tapfer. Die Figur des Mädchens gefällt mir jedenfalls sehr gut: ein Mädchen, gezwungen zum Erwachsensein, weil die Eltern gestorben sind und die große Schwester chaotisch und stimmungsschwankend ist.

Patty dagegen, die Große der beiden, ist eine komische junge Frau, überfordert mit der Situation, die kleine Schwester zu versorgen, überfordert, ihr Leben in den Griff zu bekommen, und mit der Schwangerschaft weiß sie gar nicht umzugehen. Nicht nur einmal denkt man sich, dass nicht wahr sein darf, was Patty sich in dem Buch leistet … Dem Buch tut die Beziehungskonstellation zwischen Mado und Patty jedenfalls gut, sie ist ein weiteres Plus für den Roman. Und später kommen noch weitere interessante Figuren hinzu – in Neben- wie Hauptrollen …

Was das Buch über die Erzählweise und die Figuren hinaus nicht zu schwer werden lässt, sind die erfrischenden Wendungen, die die Geschichte nimmt. Vorwegnehmen kann man da, dass Mado und Patty sich im Ferienhaus mit zwei Holländern anfreunden, dass Mado das erste Mal im Leben richtig verliebt ist. Aber es kommt noch besser … – mehr, als dass das Baby irgendwann geboren wird, will ich jedoch nicht verraten.

Wenn man „Das Glück ist nicht immer gerecht“ mit Anne-Laure Bondoux‘ bisher auf Deutsch erschienenen Büchern (die aber später geschrieben wurden) vergleicht, so merkt man, dass die Autorin inzwischen literarisch gewachsen ist und raffinierter erzählt. Doch letztendlich kann man das ihrem frühen Buch nicht vorwerfen, denn „Das Glück ist nicht immer gerecht“ hat dafür ein andere Störke: Das Buch kommt frisch von der Leber erzählt daher – ob dem ein gelungener Kunstgriff oder eine gewisse Naivität im Erzählen zugrunde liegt, kann ich nicht so recht sagen. Verstanden habe ich z. B. nicht, warum zu Beginn und auch mal zwischendrin bei Kapiteln ein Datum oder eine Uhrzeit steht, in anderen Kapiteln dagegen nicht – Anne-Laure Bondoux‘ Jugendroman ist halb Tagebuch, halb normale Erzählung. Beim Lesen stört dieser Wechsel allerdings in keiner Weise.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. „Das Glück ist nicht immer gerecht“ ist eine Geschichte über zwei Schwestern, die mit einem Schicksalsschlag fertig zu werden versuchen; und dann kommt da noch etwas dazu: eine ungewollte Schwangerschaft, die beide völlig aus der Bahn wirft. Anne-Laure Bondoux‘ Roman vermag es, diesen großen Packen Probleme ohne Schwere darzustellen, und das ist eine besondere Leistung. „Das Glück ist nicht immer gerecht“ ist letztendlich ein lebensfrohes, ein lebensbejahendes Buch, und das würde man angesichts des Problemszenarios gar nicht vermuten.

Den Charme des Buchs macht eindeutig die Übereinstimmung zwischen leicht naiver Erzählweise (die durchaus geplant sein könnte) und der erfrischenden Hauptfigur Mado aus. Das lässt einen auch über kleinere Ungereimtheiten in dem Buch hinwegsehen. „Das Glück ist nicht immer gerecht“ ist sicher nicht das raffinierteste Buch von Anne-Laure Bondoux, aber es ist ein richtig sympathisches Buch, das man gerne liest.

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(Ulf Cronenberg, 04.01.2017)

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